Weihnachtsgeschichte 2015

Weihnachtsgeschichte 2015

Beitragvon Elviera » 24. Dezember 2015, 12:49

Ihr Lieben alle,

es ist wieder soweit, und wie jedes Jahr sitze ich im Büro meiner Werkstatt und resümiere noch ein wenig, bevor ich zum gemütlichen Teil übergehe.
War der Vormittag noch recht hektisch, so liegt nun wieder die altbekannte Stimmung über allem und man kann deutlich spüren, die Nacht der Wunder steht wieder mal kurz bevor.
Es ist die Nacht, in welcher alles möglich ist, ich hatte ja schon öfter davon berichtet, und so wie in der Vergangenheit auch möchte ich heute zu Weihnachten, anstatt Euch eine Karte zu schicken, wieder eine Weihnachtsgeschichte erzählen, und wie immer handelt sie von Weihnachtswundern wie es sie nur in dieser einen Nacht, der Nacht der Wunder geben kann.
Ihr wisst ja, in einer Nacht wie dieser ist alles möglich!

Bei meiner diesjährigen Geschichte jedoch soll es mal keinen erhobenen Zeigefinger, sondern ein Augenzwinkern geben. Diese Geschichte ist gar nicht so neu, viell. erkennen sie einige von Euch sogar wieder. Doch habe ich mir erlaubt sie nachzuerzählen, ein wenig anzupassen auf unsere heutige Zeit, sowie auch sonst ein wenig überzubürsten.


Begegnung mit dem Weihnachtsmann
 
Es war an Heiligabend vor einigen Jahren am späten Mittag und ich bereitete mich so langsam auf einen ruhigen Abend vor. Aber schon wieder hatte es an der Haustüre geläutet und es hatte in der letzten Stunde ich weiß nicht wie oft geläutet! Heute hatten, so schien es, haben die Klinkenputzer sowie alle Liebhaber von Klingelknöpfen der Welt wohl Ausgang. Ein wenig brummig te ich mich wieder ein Mal in Richtung Türe, um zu öffnen.
Nicht zu glauben, es war der Weihnachtsmann persönlich und zwar in seiner allbekannten traditionellen Ausrüstung und allen seinen Insignien. “Oh”, sagte ich. “ Schau mal an der eilige Nikolaus!” – “Der heilige, in Zukunft, wenn ich bitten darf mit h und überdies bin ich nicht der Nikolaus sondern der Weihnachtsmann!” Es klang ein wenig pikiert wie er das sagte. “Als Junge habe ich Sie immer den eiligen Nikolaus genannt, denn irgendwie fand ich`s passender in der hektischen Weihnachtszeit.“
“Ach, Sie waren das?” – “Erinnern Sie sich denn noch daran?” – “Natürlich! Ein kleiner hübscher Bengel waren Sie damals!”
“Na ja besonders gross bin ich immer noch nicht.” – “Und nun wohnen Sie also hier.” – “Ganz recht.” Wir lächelten uns ein wenig verlegen an und dachten wohl beide dabei an längst vergangene Zeiten.
“ Wo sie schon mal da sind, bleiben Sie noch ein wenig und trinken sie doch eine Tasse Kaffee mit mir !” So bat ich ihn denn, er tat mir, offen gestanden leid. Da er offensichtlich auf dieses kleine Zubrot, welches er sich als Nikolaus zu verdienen gedachte, angewiesen zu sein, das war an den zerschlissenen Stiefeln die unter dem Mantel hervorschauten zu erkennen.
Er schien dankbar zu sein für diese von mir angebotene kleine Erholungspause vom Weihnachtsgeschäft und kam herein. Erst putzte er sich am Türvorleger die Stiefel sauber, stellte er den Sack neben die Garderobe, hängte die Rute an einen der Haken, und schließlich trank er mit mir in der Wohnstube Kaffee.
“ Wie wär`s mit `ner Zigarre?” – “Das schlag ich nicht ab.” Ich holte die Zigarrenpackung, die ich eigentlich verschenken wollte und er bediente sich. Nachdem ich ihm Feuer gegeben hatte, zog er sich mit Hilfe des linken den rechten Stiefel aus und schnaufte wie nach einer gewaltigen Anstrengung gewaltig und erleichtert durch.
“ Sie müssen entschuldigen, es ist wegen der Plattfußeinlage. Sie drückt fürchterlich.” – “Sie Ärmster! Und das bei Ihrem Beruf!” – “Es gibt in den letzten Jahren viel weniger Arbeit als früher, aber das kommt meinen Füßen zupaß. Aber es liegt daran, dass mit steigendem Wohlstand in den Geschäfts- und Fussgängerzonen der Großstädte die falschen Weihnachtsmänner wie die Pilze aus dem Boden schiessen.”
“Eines Tages werden die Kinder glauben, dass es Sie, den echten Weihnachtsmann überhaupt nicht mehr gibt.” – “Die Kerls schädigen meinen Beruf! Die meisten von denen, die sich einen Mantel anziehen und sich einen Bart umhängen, um mich zu kopieren, haben nicht das geringste Talent! Alles Stümper, eine Schande für die ganze Nikolaus- und Weihnachtsmanninnung!” Er sagte das mit einer offensichtlichen inneren Überzeugung, die mich doch ein wenig lächeln lies.
Ich beschloss mich ein wenig auf das Spielchen einzulassen und ich entgegnete daher: “Weil wir gerade von Ihrem Beruf sprechen, ich hätte da eine Frage an Sie, die mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt. Damals traute ich mich ja nicht, schliesslich waren sie ja der Weihnachtsmann. Aber heute wage ich es schon eher, denn ich bin Journalist geworden.”
– “Macht nichts”, meinte er und goß sich Kaffee nach. “Also was ist es denn was Sie seit Ihrer Kindheit von mir wissen wollen?” – “Also”, begann ich zögernd, “bei Ihrem Beruf handelt es sich doch eigentlich um eine Art des ambulanten Saisongewerbes, oder? Im Dezember haben Sie eine Menge Arbeit. Es drängt sich alles auf ein paar Wochen zusammen. Man könnte von einem Stoßgeschäft reden. Und nun na ja, ich würde zu gerne wissen, was Sie den Rest des Jahres so machen!”
Der gute Weihnachtsmann sah mich recht überrascht an, ja fast machte er den Eindruck, als habe ihm noch niemals jemand diese doch so naheliegende Frage gestellt. Ich meinte: “Wenn Sie sich nicht darüber äußern wollen, wär`s auch in Ordnung” – “Doch, doch”, brummte er. “Warum denn nicht?” Er trank noch einen Schluck Kaffee und paffte seine Zigarre. “Der November ist natürlich mit der Materialbeschaffung mehr als ausgefüllt und völlig dicht. In der Schweiz gibt’s plötzlich keine Schoki mehr und niemand weiß wieso, warum oder woran das liegt. Oder auch die Äpfel werden von den Bauern zurückgehalten, wohl um die Preise nach oben schnellen zu lassen. Glücklicherweise fällt das Theater dank der EU an den Zollgrenzen größtenteils weg. Stellen sie sich vor, alles in 7-facher Ausfertigung wollten die haben und alles nur Originaldurchschläge. Ich hatte damals eine extra Schreibmaschine nur für den Zoll. Die hatte einen derartig kräftigen Anschlag, dass in den ersten 3 Ausfertigungen Löcher gestanzt waren. Andernfalls wäre es nämlich nicht bis auf den 7. Durchschlag einigermaßen leserlich durchgekommen.
Bei den vielen Transportpapieren dachte ich, ich müsste demnächst den Oktober noch dazu nehmen den ich bislang immer dazu genutzt habe, mir in aller Stille und Abgeschiedenheit den Bart, der ja für einen Weihnachtsmann völlig unverzichtbar ist, wachsen zu lassen
Glücklicherweise kam dann das Schengener Abkommen und hoffen wir, dass es uns erhalten bleibt, denn die derzeitige politische Lage verspricht nicht gerade, dass es ewig so bleiben könnte. Glücklicherweise habe ich noch meine alte Schreibmaschine aufbewahrt.“
Ich wollte mich auf ein Gespräch über die Politik nicht weiter einlassen und fragte daher: “Ach- Sie tragen den Bart nur im Winter?” – “Selbstverständlich. Ich kann doch nicht das ganze Jahr als Weihnachtsmann herumrennen. Dachten Sie, ich behielte auch im Sommer den Mantel an und schleppte 365 Tage den Sack und die Rute durch die Landschaft? Im Januar mache ich dann die Bilanz, und dieser Papierkram fürs Finanzamt ist schrecklich. Dazu kommt auch noch, dass Weihnachten von Jahrhundert zu Jahrhundert immer aufwändiger gefeiert und damit auch immer teurer wird !”
“Dann ist da noch die Dezemberpost, die gelesen werden muss, vor allem die Kinderbriefe. Es hält kolossal auf, ist aber für ein anständiges Weihnachten unumgänglich zu wissen, was die Zielgruppe erwartet. Verliert man den Kontakt mit der Kundschaft, geht Weihnachten irgendwann Konkurs. Stellen Sie sich nur vor, der Weihnachtsmann muss die Hand zum Offenbarungseid heben, das ist völlig undenkbar, und außerdem muss man sich auch fragen, wie es dann weitergeht mit Weihnachten, wie wird’s der Konkursverwalter dann gestalten?” „Gute Gründe sich ordentlich zu tummeln und aufzupassen dass nix passiert und das Weihnachtsfest in traditioneller Art erhalten bleibt. 24 Stundenschichten sind erforderlich, dass alles zu bewältigen, aber im Mittel des Jahres gerechnet arbeite ich genau so viel wie jeder Andere, nur dass sich bei mir alles auf die wenigen Monate um Weihnachten herum konzentriert.
Aber um auf ihre Frage zurückzukommen. Klar, wenn das orthodoxe Weihnachtsfest vorbei ist, aber spätestens Anfang März lasse ich mir den Bart abnehmen, da ich ihn nicht mehr brauche, wenn ich dem Osterhasen bei seinem Ostergeschäft ein wenig helfe. Eine gegenseitige Unterstützung die sich übrigens seit Jahrhunderten bewährt hat.“

Bevor ich ob dieser für meine Begriffe an Lächerlichkeit kaum zu überbietenden Behauptung was erwidern konnte, läutete es erneut an der Flurtür. Ich entschuldigte mich kurz um nachzusehen.
Draußen vor der Tür stand ein für die Weihnachtszeit nur allzutypischer Hausierer mit den ebenfalls typischen Ansichtskarten und erzählte mir eine sehr lange und sehr traurige Geschichte, die ich mir mit ernsthaft verbogenen Horchlappen tapfer anhörte. Dann kramte ich das Kleingeld, welches ich lose in der Hosentasche bei mir trug, zusammen und wir wünschten einander frohe Weihnachten und auch weiterhin alles Gute fürs neue Jahr. Und obwohl ich mich recht standhaft weigerte, drängte er mir als Gegengeschenk ein halbes Dutzend dieser schrecklichen Karten auf. Er sei, so sagte er, schließlich kein Bettler. Ich achtete seinen biederen Stolz und nahm die Karten daher an. Endlich ging er.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, zog der Weihnachtsmann gerade ächzend seine Stiefel an. “Ich muss weiter”, meinte er, „viele Kinder müssen noch beschenkt werden, es hilft nichts. Aber was haben Sie denn da in der Hand?” – “Postkarten. Ein Hausierer hat sie mir angedreht .” – “Geben Sie her, ich habe Abnehmer. Und besten Dank für Ihre Gastfreundschaft. Wenn ich nicht der Weihnachtsmann wäre, könnte ich Sie beneiden.”
Darauf gingen wir in den Flur, wo er die Insignien seiner weihnachtsmännischen Würde wieder aufnahm. “Schade”, sagte ich. “Sie sind mir noch den Rest Ihres Jahreslaufs schuldig.” Er zuckte die Achseln. “Viel ist im Grunde nicht zu erzählen. Im Februar kümmere ich mich außerdem noch um den Kinderfasching, Von Ostern habe ich ja schon erzählt. Später ziehe ich auf Frühjahrsmärkten umher. Mit Luftballons und allem möglichen billigen Tand, der aber Kinderherzen hoch erfreut. Im Sommer bin ich Bademeister und gebe den Kindern. Schwimmunterricht. Manchmal verkaufe ich auch Eiswaffeln in den Straßen, kurz- ich mache alles was Kindern Freude bringt. Ja, und dann ist auch schon wieder der Hebst da.
Aber nun muss ich wirklich gehen, ich habe noch viel zu tun.”
Wir schüttelten uns die Hand und ich sah vom Fenster aus nach wie der Weihnachtsmann mit hastigen Schritten durch den Schnee stapfte.

Ein wenig nachdenklich geworden dachte ich so bei mir, dass es den Weihnachtsmann doch tatsächlich gäbe, nur etwas anders als man bisher glaubte. Es ist offensichtlich, wirklich und wahrhaftig ein Berufsstand wie jeder andere auch. Beruf -Weihnachtsmann- ich lächelte in mich hinein und versuchte mir gerade noch vorzustellen, wie das wohl auf dem Formular des Arbeitsamtes aussehen würde. Jedoch verwarf ich den Gedanken gleich wieder, denn so ein Windhund wie der Weihnachtsmann ist mit allen Wassern gewaschen und findet immer eine Ernährungsgrundlage.
Kurze Zeit später sollte ich dann noch begreifen wie recht ich damit hatte.
Ich beobachtete aus dem Fenster wie an der nächsten Strassenecke ein Mann auf den Weihnachtsmann wartete. Er sah irgendwie wie der Hausierer mit seinen blöden Ansichtskarten aus. Hatte ich mich da vielleicht getäuscht? Etwas später klingelte es schon wieder, aber diesmal war es der Bote der Pizzeria gegenüber, denn zwischenzeitlich hatte ich mir eine Pizza zum Abendessen bestellt. Ich wollte bezahlen, fand aber die Brieftasche nicht gleich. “ Ach das hat Zeit“ sagte der Bote verständnisvoll. Und fügte hinzu: „ Schliesslich sind wir ja Nachbarn. Bezahlen Sie einfach nach Weihnachten.“
“Ich möchte wetten, dass sie auf dem Schreibtisch gelegen hat. Nun gut, ich bezahle dann eben später, aber warten Sie noch, ich weiß, dass Sie ebenfalls rauchen, ich bringe Ihnen eine gute Zigarre!” Aber die Kiste mit den Zigarren fand ich auch nicht, weder jetzt noch später.
Und mehr noch, diverse Schmuckstücke meiner Frau waren ebenfalls spurlos verschwunden.
Ich konnte mir gar nicht erklären, wo das wohl alles hingeraten sein mochte. Könnte es etwas sein, dass man selbst an Heiligabend keinem mehr trauen kann? Nicht einmal mehr dem Weihnachtsmann? Aber wen wundert es eigentlich? Heute ist Heiligabend, die Nacht der Wunder, und man wundert sich immer wieder in einer solchen Nacht.
Es wurde trotzdem ein gelungener Abend, nur irgend etwas fehlte mir. Aber was war es denn nur das fehlte? Ja richtig, eine Zigarre? Natürlich! Glücklicherweise aber war auch das goldene Feuerzeug nicht mehr da. Denn eines muss ich ehrlich bekennen: Feuer zu haben, aber nichts zum Rauchen? Das wäre ein wirkliches Ärgernis gewesen!

Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr.
Schuft euch durch Strombart über Glenz,
sonat mekelt hartes Lechem ihr.
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